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GEDANKEN ÜBER EINEN NACHMITTAG, AN DEM ICH SO GUT WIE NICHTS GETAN HABE:

Wenn mich jemand fragen würde, was ich den ganzen Nachmittag gemacht hätte, würde ich sagen: ein kleines bisschen von gar nichts.

Schade, dass mich niemand fragt, wäre eine hübsche Lüge gewesen.

Denn in Wahrheit tut man immer was, auch wenn man nichts tut, das ist ein Grundgesetz des Lebens.

Ich zum Beispiel bin heute Nachmittag ein paar Mal ins Badezimmer gegangen.

Wie oft, kann ich jetzt nicht mehr genau sagen, dreimal vielleicht, keinesfalls öfter als vier Mal, ich habe ja keinen Badezimmertick.

Einer der Besuche galt dem Bedürfnis aufs Klo zu gehen, es muss nicht das erste Mal gewesen sein, bei den anderen Gelegenheiten war ich einfach nur so da, ohne bestimmten Grund. Es war, wie wenn du zufällig am Haus einer guten Bekannten vorbei kommst und durch eine hintere Kammer deines Gehirns schießt ein Bild von einer gemütlichen Küche und einer Tasse Kaffee. Ehe du überhaupt bemerk hast, dass diese Gehirnkammer existiert, stehst du auch schon auf der Matte. Und dann schaut deine Bekannte dich an und hat sichtlich Mühe, dein Gesicht mit Datum und Uhrzeit zu harmonisieren.

So ging es mir heute Nachmittag bei meinen Besuchen im Badezimmer. Kaum war ich drin, merkte ich schon, dass es ein Fehler war.

Die aneinander gekuschelten Handtücher auf dem oberen Regal ignorierten mich völlig, Shampooflasche und Duschlotion schauten aus dem Fenster, als gäbe es da was Interessantes zu sehen, vielleicht den alten Mann von gegenüber, der gerade, als er seinen täglichen Rundgang antreten wollte, von einem Transporter mit der Aufschrift BO-FROST angefahren worden war. Ich brauchte nicht hinaus zu schauen, um zu wissen, dass die Beiden nur eine Show abzogen, weil sie nichts mit mir zu tun haben wollten. Die alten Zahnpastaspritzer auf dem Spiegel waren ehrlicher, sie starrten mich an, um sich dann gelangweilt abzuwenden.

Der restliche Kram auf meinem Badezimmerregal war vollkommen mit sich beschäftigt. Sie waren grad auf einer Party und spielten das Spiel: wer sich noch bewegt wenn das Licht angeht, scheidet aus. Meine Badezimmerpartygäste waren in diesem Spiel unübertroffen, wahre Meister, sie hatten dieses Spiel zu einem geradezu abstoßenden Perfektionismus stilisiert. Die Lippenstifte hielten sich an den Händen und verstanden es teuflisch gut, ihr Kichern zu verbergen. Puderdose und Rouge hatten sich auf dem Sofa breit bemacht, mit übereinander geschlagenen Beinen lümmelten sie da und schauten geradewegs durch mich hindurch. Die Zahnbürste tat so, als wollte sie der Zahnpasta was in Ohr flüstern, aber auf den Trick fiel ich nicht rein. Um Kleenex und Cremedosen kümmerte ich mich nicht, sie langweilten mich genauso, wie ich sie, aber der Becher mit den Q-Tipps brachte mich an den Rand meiner Selbstbeherrschung: es hatte ihn mitten in einer Pirouette erwischt. Und trotzdem brachte er es mit absolut überzeugendem Gleichmut fertig, jedes einzelne Stäbchen zum Stehen zu bringen, als wenn sie nie etwas anderes getan hätten. Es war jedes Mal dasselbe, jedes Mal an diesem verdammten Nachmittag, wenn ich zufällig und für alle Beteiligten überraschend ins Badezimmer kam.

Schließlich hab ich dann eins von diesen Stäbchen aus dem Reigen gerissen und seiner eigentlichen Bestimmung zugeführt. Nicht, weil es nötig gewesen wäre, sondern damit sie sich nichts einbilden. Sollte das der ganzen Bande eine Lehre sein.

 

Na, ja, um ehrlich zu sein, der Grund war eher der, dass ich nichts anderes zu tun hatte.

Es würde mich interessieren, ob es heute, den neunundzwanzigsten zwölften neunzehnhundertvierundneunzig in diesem verlassenen Nest von Kleinstadt noch einen Menschen gibt, der nichts Besseres zu tun hat, als friedliche Q-Tipps bei einer Pirouette zu stören.

 

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