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WAS LEISTET DIE KUNST?

Mein Freund, der Maler, hat Besuch von einer Künstlerkollegin.

Sie arbeitet als Fotografin, erforscht sich selbst hinter und vor der Kamera, Selbstporträts, Selbstakte, Akte mit Kamera, sie selbst als Akt mit Kamera gleichzeitig Modell für einen Maler. Ein Buch ist daraus entstanden. Ein Schwarzweiß-Hochglanz-Bilderbuch. Über sie selbst, sehr nackt.

Die Fotografin sagt, sie hätte Probleme damit, sich vor anderen Leuten richtig darzustellen.

Die sind Juristen oder Lehrer oder Mediziner und sie können so leicht und schnell über ihre Tätigkeit reden. Das wiederum fiele ihr schwer, sagt sie. Ja, Fotografin,  aber auch wieder nicht, es sei ein Bild, das nicht so recht passt, die Leute denken dann an Modefotographie. Das wäre dann so etwas, wenn man Namen wie Joop oder Lagerfeld nennen könnte, das würde sich nach Geld anhören und das Tun rechtfertigen.

Ich sage, dass doch die eigentlich interessantere Frage die sei, was denn übrig bliebe, wenn man sich nicht mehr über das definieren würde, was man täte.

Ja, genau, sie als Künstlerin könne eben den sich so eindeutig über ihrer Arbeit definierten Menschen gar nicht begreiflich machen, was sie täte und warum. Sie stieße da sehr oft auf Unverständnis.

Ich, von Beruf Krankenschwester und somit  als einzige eindeutig definiert in dieser Runde, frage, ob es nicht gerade ein Anliegen der Künstler sei, diese so vordergründigen Eindeutigkeiten zu hinterfragen. Und ob nicht gerade ihre Arbeiten als Herausforderung zu verstehen seien, sich selber immer weiter zu reduzieren, um zum Wesentlichen vorzudringen.

Natürlich, genau das, sagt sie, aber die Anstrengungen, die sie mit ihrer Kunst unternimmt, werden nicht richtig honoriert. Die Welt wäre nicht wirklich bereit, den Einsatz der Künstler zu würdigen.

Aber wenn ich mein Tun von der Resonanz der Welt abhängig mache, werde ich doch total unfrei, sage ich, was würdet ihr denn tun, wenn ihr, aus welchem Grund auch immer, vielleicht durch Krankheit oder Unfall, nicht mehr das tun könntet, was ihr tut?

Er, der Maler, aus den Tiefen seines Sessels, von wo er das Gespräch amüsiert verfolgt, meint, er fände immer Möglichkeiten, sich auszudrücken. Er würde immer irgendwie Kunst machen. Er würde sich einfach ein anderes Medium suchen. Musik zum Beispiel, wenn er blind würde.

Die Fotografin fühlt sich von mir angegriffen. Sie schlägt ihr Buch zu und legt es weg, um es vor mir und meinen Fragen zu schützen. Sie wäre als Künstlerin immer am Rande der Existenz und hätte dieses Leben gewählt, weil es für sie eben nicht so leicht eine Alternative gäbe. Es ist eben kein Job, sondern Lebensaufgabe und essenziell mit Ihrem Dasein in der Welt verbunden. Deshalb bräuchte sie, wie alle Künstler ja auch die Anerkennung. Sie müsse andere Menschen erreichen, die achten und auch honorieren, was sie tut. Es wäre sehr einfach, aus meiner existenziell gesicherten Position heraus so eine Frage zu stellen. Schließlich hätte ich ja einen Job, der mir jeden Tag Lebensunterhalt und Annerkennung bringt.

Ich merke, wie mir das Gespräch, das Verständnis entgleitet, wir beginnen in unterschiedlichen Sprachen zu reden. Ich will doch nicht provozieren. 

Ich will wissen, ob die Künstler zwischen dem Wesen ihres Menschseins und ihrer Selbstdarstellung unterscheiden können. Ob die Kunst zwangloser Ausdruck von Lebenserfahrung ist, oder ein zwanghafter Versuch, das Leben zu rechtfertigen.

Aber, setze ich wieder an, wenn man sich  überhaupt über irgendetwas definiert ist das doch immer nur ein Vehikel und hat mit dem eigentlichen Sein und Tun nichts mehr zu tun. Dabei geht es mir doch gar nicht darum, das künstlerische Schaffen anzuzweifeln, als vielmehr um die Frage, welchem Zweck es dient. Dient die Kunst der Selbsterforschung oder der Selbstdarstellung, wie authentisch kann sie sein, wenn Darstellung ein Bedürfnis ist. Ich  meine, wie weit macht ihr euch Gedanken darüber, durch was ihr existiert. Und wenn ihr sagt, es sei die Kunst, benutzt ihr die Kunst dann nicht genauso, wie der Mercedesbesitzer sein Auto?

Blankes Entsetzen in ihren Blicken, auch der Maler ist jetzt elektrisiert, man schießt sprachlose Pfeile in meine Richtung, das war eindeutig zu weit. Habe ich vergessen, wie sensibel Künstler sind?

Er also, er lehnt es ab, an diese Hypothese auch nur einen Gedanken zu verschwenden, zieht die Augenbrauen hoch, erhebt sich und geht in die Küche. 

Sie verteidigt sich. Ihre Kunst sei ihre eigentliche Natur. Und obwohl doch kaum jemand respektiere, was sie tue, sei es ihr absoluter Lebenssinn.

Letztes Jahr sei ihr ihre Fototasche gestohlen worden, mit allen Aufzeichnungen, die doch für niemanden außer ihr selbst einen Wert hätten. Da wäre sie sehr verzweifelt gewesen und habe gehadert mit dieser, sie lacht, ach-so-bösen Welt. Da habe sie sich gefragt, warum sie das alles täte, es wüsste ja doch niemand zu schätzen. Sie hätte sich ganz verloren gefühlt, es sei schrecklich gewesen, hätte ihr ganzes Leben in Frage gestellt.

Und, frage ich, hast du die Gelegenheit als Chance genommen, als Aufforderung des Schicksals, hinter dein Tun zu schauen? Hinter den Mantel Kunst, in den du dich kleidest, und dich so nackt erlebt, wie du dich auf deinen Bildern zeigst?

Nein, nein, wahrhaftig nicht, sie lacht, richtig aggressiv jetzt, weil ich so wenig Mitgefühl zeige, so wenig Zorn auf die Ungerechtigkeit der Welt. Nein, das wäre kein Spaß gewesen, das war verdammt hart und sie war sehr, sehr verzweifelt. Trotzdem käme für sie kein anderes Leben als das einer Künstlerin in Frage.

Vielleicht klingelte in diesem Moment das Telefon, vielleicht war die CD zu Ende, vielleicht musste frischer Tee gekocht werden, jedenfalls blieb es so stehen und mir war, als hätte man mir ein Etikett auf die Stirn geklebt. Krankenschwester, keine Ahnung von der Welt eines Künstlers.

Krankenschwester, das ist eine Arbeit, mit der ich immer und überall Geld verdienen kann, meine Kinder und ich werden nie existenzielle Ängste haben, solange ich gesund bin. Aber es ist auch Lebensschule für Wesentliches. Und manchmal ist es mir vergönnt, tatsächlich Kranken-Schwester zu sein. Dankbar bin ich dann dafür, glücklich, und dafür brauche ich keine Ausbildung. Dafür brauch ich nur offene Augen und ein Herz. Ich denke an eine Patientin und wünschte ich könnte von ihr erzählen. Könnte erzählen, dass es Menschen gibt, die außer ihrer Existenz nichts besitzen, was ihr Dasein in der Welt rechtfertigt. Und die trotzdem oder gerade deswegen authentisch sie selber sind. Menschlich und lebendig wie man es selten erlebt. 

Keinerlei Kontrolle über ihren Körper, die Arme wilde Schwäne und wie tote Fische die Füße. Sprache ist ein Martyrium. Was bleibt, fragt man sich, denn da noch an Leben. Wie soll ich nun beschreiben, dass sie lebt wie kaum ein anderer. Sie lebt mit einer mir vollkommen unverständlichen Intensität. Sie hat nichts, gar nichts, über das sie sich definieren könnte, sie ist einfach nur sie selbst.

Eines Tages, während ich ihren Körper wusch, beobachtete ich eine Truppe Bauarbeiter, halbnackte Männer, die draußen vor dem Fenster mit Erdarbeiten beschäftigt waren. Kraftvolle braungebrannte Männermuskeln lenkten mich von meiner Arbeit ab. Sie merkte es und ihr Gesicht verzerrte sich zu der Grimasse, die ihr Lachen bedeutet, Laute bahnten sich mühevoll einen Weg durch verkrampfte Kiefermuskulatur, lang gezogene Vokale, gefolgt von explodierenden Konsonanten teilten mir in größtem Selbstverständnis ihre eigene weibliche Freude am Anblick sinnlich rustikaler Männlichkeit mit. Sie war nicht beleidigt, weil ich mich von ihrer Bedürftigkeit ablenken ließ. Sie war auch nicht neidisch auf mich, die ich jederzeit hinausgehen und einen von den schönen Kerlen an die Hand nehmen könnte. Nein, sie erlebte einfach anspruchslose Freude durch den Anblick da draußen sowie im weiblichen Einverständnis mit mir.

So lebt sie, Tag für Tag, ganz aus sich.

Aus so einer Lebensauffassung heraus sollte Kunst entstehen.

Ich gehe durch die Stadt, fahre U-Bahn, sehe die Verkäuferinnen an den Kassen, Angestellte hinter Tresen, sehe euch, sehe mich, wir alle sind Gespenster gegen diese scheinbar so reduzierte Existenz.

Und ich sage mir, jeder Mensch trägt seinen Wesenskern mit sich herum, jeder ahnt davon, aber die wenigsten kommen je damit in Kontakt. Auch die Kunst ist nicht die Essenz des Lebens, aber sie kann eine Tür dahin öffnen. Was, wenn nicht das, leistet denn die Kunst?

 

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